"Stadt von morgen muss stärker auf Zusammenhalt orientiert sein"

Rainer Wehrhahn sprach über Mechanismen der Verdrängung in Städten und gesellschaftliche Folgen.
Rainer Wehrhahn sprach über Mechanismen der Verdrängung in Städten und gesellschaftliche Folgen.

Rainer Wehrhahn ist Lehrstuhlinhaber für Humangeographie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo er auch die Arbeitsgruppe  Stadt- und Bevölkerungsgeographie leitet. Wehrhahn promovierte über das Konfliktfeld Naturschutz und Entwicklung in São Paulo/Brasilien und ist Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung und war etwa als Research Fellow und Visiting Professor in Brasilien, Frankreich und Argentinien. Im Interview mit dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus äußert sich der Wissenschaftler unter anderem zu den Ursachen und Folgen sozialer Konflikte in Städten und mögliche politische Lösungsansätze.

DWIH-SP: Herr Professor Wehrhahn, die Städte wachsen – was passiert mit den Regionen, in denen die Menschen abwandern? Welche Konzepte sind sinnvoll im Hinblick auf beispielsweise die Aufrechterhaltung respektive den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur zur Gesundheitsversorgung?
Wehrhahn: Demographisches Schrumpfen infolge sinkender Geburtenraten und/oder Abwanderung tritt meist in Kombination mit wirtschaftlichem Schrumpfen auf. Effektive Gegenmaßnahmen zu treffen ist umso schwieriger, je länger der Prozess bereits läuft und je mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte bereits die Region oder die Stadt verlassen haben. In demokratischen Staaten sollte die Bevölkerung in allen Landesteilen soweit unterstützt werden, dass nicht nur die ökonomischen Lebensgrundlagen mittels Arbeitsplätzen und alle grundlegende Versorgungsstrukturen gesichert, sondern auch soziale Teilhabe und politische Funktionen gewährleistet sind. Wo dies nicht der Fall ist, kann sich ein Gefühl des Abgehängt-Seins ausbreiten, das zu (legitimem) Protestverhalten führt und letztlich nicht nur zu erheblichen sozialen Konflikten in den Regionen, sondern auch zu diffamierenden Äußerungen bis hin zu Rassismus und anderen Missachtungen des Rechtstaats führt.

In 2050 lebt mehr als die Hälfte aller Menschen weltweit in Städten. Welche sozialen Entwicklungen bringt dies mit sich? Verändert sich die Rolle der Akteure in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft? Mit welchen Problemen muss ein Umgang gefunden werden?
Für die wachsenden Städte sind die Folgen sehr unterschiedlich. Sie reichen von sozioökonomischem Wohlstand, wenn vor allem gut ausgebildete, junge und ältere Menschen zuwandern, bis hin zu sozialen und technischen Problemen, wenn Städte infrastrukturell und finanziell nicht auf massive Zuwanderungen eingestellt sind. Klar ist auf jeden Fall, dass Regionen und auch Städte, die von Abwanderung betroffen sind, einerseits zwar eventuell Vorteile nutzen können, indem gewisse Überlastungen abgebaut und ökologische Komponenten positiv entwickelt werden können; andererseits werden aber in der Regel die öffentlichen Haushalte derart negativ beeinflusst, dass ohne Hilfe von außen keine Lösung möglich ist. Ökologische, verkehrsinfrastrukturelle, aber auch soziale Probleme sind seit langem bekannt, Lösungen müssen auf Seiten von Technik und Technologie sowie auf sozialpolitischer Seite gefunden werden, um Städte auch 2050 noch lebenswert zu halten.

Hinsichtlich des diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Dialogs für Wissenschaft, Forschung und Innovation und dessen Thema – die Stadt von morgen – wo und wie würden Sie das Thema der sozialen Entwicklungen und Konflikte in Städten verorten?
Viele Städte sind heute durch die zunehmende soziale Polarisierung, Fragmentierung und Exklusion gekennzeichnet, was vor allem auf die lange Zeit dominierende neoliberale Phase wirtschaftsdominierter Stadtpolitiken zurückzuführen ist. Konflikte, Proteste, neue soziale Bewegungen, aber auch ein verändertes Wahlverhalten der Bevölkerung hin zu mehr Protestparteien zeigen, dass ein zu sehr auf Wirtschaft fokussiertes Entwicklungsparadigma langfristig nicht tragfähig ist. Die Menschen wehren sich gegen "Dispossession", Enteignungen, gegen den Verlust von Rechten, Vertreibungen aus ihren Wohnungen, etc. Die Stadt von morgen muss sehr viel stärker auf sozialen Zusammenhalt orientiert sein. Eine verantwortungsvolle Stadtpolitik muss den Ausgleich von Arm und Reich organisieren, und sie muss auch ökologische Belange stärker berücksichtigen, nicht zuletzt um auch die Stadtbewohner vor Gesundheitsgefahren im weitesten Sinne zu schützen. Das alles ist im Übrigen nur mit einem Multi-Level-Governance-Ansatz, also in einer Verknüpfung von lokalen, nationalen und globalen Politiken zu leisten, aber Stadtpolitik kann durchaus als Motor dafür fungieren.

Wie gehen sowohl Brasilien als auch Deutschland mit den jeweiligen sozialen Konflikten in Städten um? Bestehen Unterschiede und Gleichheiten – falls ja, welche? Welche Probleme sind brasilienspezifisch, welche sind deutschlandbezogen?
Generell gibt es in beiden Ländern ähnliche Strategien des Umgangs mit Konflikten, weil auch die Ursachen ähnlich sind: Alle großen Metropolen stehen im Fokus von Finanzinvestoren, die aufgrund der makroökonomischen Rahmenbedingungen ein starkes Interesse haben in Immobilienmärkte zu investieren. Dies führt zu marktgetrieben Aufwertungsprozessen, Bodenspekulation, Vertreibungen unterer und inzwischen auch mittlerer Einkommensgruppen aus innerstädtischen Lagen und letztlich in Verbindung mit vielerorts zurückgefahrenen Investitionen in sozialen Wohnungsbau und unter anderem zu Protesten. Da die Sozialsysteme und einige andere nationale Rahmenbedingungen in Brasilien und Deutschland unterschiedlich ausgeprägt sind, stadtpolitische Strukturen unterschiedlich sind und Rechtssysteme anders arbeiten, ergeben sich mehr oder gegebenenfalls weniger existenzbedrohende Situationen bei Konflikten und Streitigkeiten in den beiden Ländern. Darüber hinaus wäre die Frage aber nur einzelfallbezogen zu beantworten.

Was können soziale und politische Akteure jeweils beider Länder voneinander lernen?
Gegenseitiges Lernen sehe ich insbesondere auf den Gebieten einer sozial angepassten Technologieentwicklung, Fragen der Akzeptanz von technologischen, aber auch allgemeinen politischen Maßnahmen und Instrumenten der Stadtentwicklungsplanung, der kreativen Stadtplanung unter Einbeziehung von informellen Planungsprozessen und Akteuren, Umsetzung von Bürgerhaushalten, etc.

(Foto: Felipe Mairowski)
Um die gegenwärtigen und kommenden Herausforderungen der Stadt von morgen
adäquat anzugehen, verwies Wehrhahn auf Multi-Level-Governance-Ansätze.


Wie kann (die) Urbanisierung aus Ihrer Sicht als Chance begriffen werden?

Urbanisierung ist allein deshalb per se nicht negativ, weil Dichte aus ökologischen, aber auch aus ökonomischen Gründen effizient ist. Eine flächenhafte Gewährleistung von Infrastrukturen ist teuer und ökologisch schädlicher als ein Prinzip der kurzen Wege in Form einer dezentralen Konzentration umzusetzen. Innovationen erfordern in den meisten Fällen auch eine geographische Nähe, kreative Menschen wünschen Heterogenität und vielfältige Anregungen, und so entstehen in verdichteten Räumen auch mehr Arbeitsplätze als im ländlichen Raum. Wo Urbanisierung allerdings ohne Innovation und Arbeitsplatzwachstum stattfindet, können soziale Probleme kaum aufgefangen werden. Die Umverteilung von Reichtum muss folglich nicht nur innerhalb der Gesellschaftsgruppen, sondern auch in räumlichem Maßstab erfolgen, indem unterfinanzierte Regionen, insbesondere ländliche Abwanderungsgebiete unterstützt werden.

Können technologische Fortschritte im Zusammenhang mit Stadtmanagement, der Administration und bei politischen Prozessen helfen?

Technologische Entwicklungen können in vielen Bereichen die Stadt von morgen positiv beeinflussen. Online-Dienste der städtischen Verwaltung können Bürgernähe fördern und administrative Prozesse beschleunigen. Auch können partizipative Prozesse über netzbasierte Verfahren weitere bzw. andere Stadtbewohner erreichen als mit analogen Beteiligungsverfahren. Allerdings nützt die beste Technologie nichts, wenn sie von der Politik nicht umgesetzt oder von der Bevölkerung nicht akzeptiert wird. Insofern muss Technologieeinsatz immer auch sozialwissenschaftlich begleitet oder, besser, gefordert oder initiiert werden. Eine kommunikative und erklärende Stadtpolitik, wie sie angesichts der derzeitigen Konflikte künftig stärker zum Einsatz kommen sollte, kann auf direkte Kontakte mit der Stadtgesellschaft allerdings nicht verzichten. Analoge und digitale Kommunikation sind beides wichtige Mittel um Wissenschaft und Politik voranzubringen – wie man an dem diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Dialog in São Paulo bestens sieht.

Die technologischen Fortschritte und Möglichkeiten können sowohl dazu beitragen, eine Stadt inklusiver zu gestalten als auch mit mehr Kontrolle einhergehen: Welche Perspektive ergibt sich daraus für die Städte von morgen?
Technologie ist ja auch ein Markt, ein ökonomisches Gut. Das Beispiel der Sicherheitstechnologien, die gerade in Brasilien boomen, zeigt sehr gut, wie die Sicherheitsindustrie von tatsächlichen Bedrohungen aber auch von medial erzeugten und gezielt mit Marketingmaßnahmen verstärkten Unsicherheitsdiskursen nicht nur profitiert, sondern diese auch weiter befeuert. Beim Einsatz von Technologie muss entsprechend eine Abschätzung der Folgen – sozial, ökologisch und auch ökonomisch durchgeführt werden und die Umsetzung von Technologien muss auch in ihrer sozialen Dimension kritisch begleitet werden. Ansonsten haben wir, um bei dem Beispiel zu bleiben, künftig nur noch in ihren Häusern und Gated Communities verbarrikadierte Familien mit privat organisierten und finanzierten Kontakten ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Stadt und in der Nachbarschaft. Und damit auch keine "Öffentlichkeit" mehr, die für funktionierende politische und soziale Prozesse in Demokratien aber unabdingbar ist.

Inwiefern beeinflussen technologische Möglichkeiten Ihrer Meinung nach soziale Konflikte? Auf welche Herausforderungen müssen sich demokratische Systeme einstellen, um diese zu lösen?
Ein aktuelles Beispiel: Hasskommentare auf Facebook und in anderen sogenannten sozialen Medien und die politische Debatte darüber, ob man offensichtlich falsche, diffamierende, rassistisch motivierte Verbreitung von Kommentare einschränken soll und kann. Dies zeigt, wie dringend notwendig es ist über die gesellschaftlichen und die politischen Folgen sozialer Medien zu forschen und zu debattieren. Die Vorstellung, dass diese Medien nur das "Gute" fördern ist mittlerweile widerlegt. Jede Art von Medium wird auch missbraucht und dagegen müssen rechtsstaatliche Mittel für eine maßvolle Kontrolle gefunden werden. Eine demokratisch legitimierte Kontrolle sollte dabei die Verbreitung von Unsinn begrenzen, ohne partizipative Prozesse zu sehr einzuschränken. Radikaldemokratische Ansätze könnten dabei für eine stärker sozial ausgerichtete öffentliche Stadtpolitik durchaus eine herausfordernde Bereicherung darstellen. Ökonomisch abgehängte Bevölkerungsgruppen, politisch an den Rand gedrängte Initiativen, soziale Bewegungen und kulturell alternative und innovative Akteure könnten eine soziokulturell offene und zugleich technologiefreundliche Stadtgesellschaft bereichern, denn Stadt ist Vielfalt, und Diversität in jeder Beziehung macht Stadt erst attraktiv.

Brasilien stand bereits im Fokus Ihrer Forschungsprojekte. Welche Aspekte haben Sie im Hinblick auf das Land untersucht?

Ein aktuelles Projekt mit Brasilienbezug thematisiert, wie sich nachbarschaftliche Beziehungen in São Paulo unter dem Einfluss von Unsicherheit und alltäglichen Sicherheitspraktiken der Stadtbewohner verändern. Hier vollzieht sich gerade ein extremer Wandel hin zu mehr Privatheit und weniger öffentlicher Verantwortung. Außerdem arbeite ich zusammen mit Kollegen der Universidade de São Paulo (USP) an Fragen der "Stadt als Beute des Finanzkapitals" unter kritisch-geographischer Perspektive. Mit der Universidade Federal de Pernambuco (UFPE), Recife leite ich seit sechs Jahren ein Austauschprogramm für Studierende beider Universitäten, sodass bereits viele Studenten aus beiden Ländern an der jeweils anderen Universität studiert haben. Die ersten haben sogar schon einen double degree im Fach Geographie erreicht.

Vielen Dank für das Interview, Herr Professor Wehrhahn.

Renata Galf, Luisa Pischtschan/DWIH-SP

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