Digitalisierung der Arbeit, Forschung und Bildung ist Leitthema des DWIH São Paulo

Welchen Einfluss die Digitalisierung auf Beruf, Bildung und Forschung hat ist das Leitthema 2018

Die Digitalisierung vieler Lebensbereiche verursacht allerlei Veränderungen in unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund werden sich einige Veranstaltungen des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses São Paulo (DWIH São Paulo) im Laufe des Jahres 2018 mit Fragen rund um die Auswirkungen der Digitalisierung in Beruf, Forschung und Bildung beschäftigen.

Während der 70. Jahrestagung der Brasilianischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaften (SBPC) und des 7. Deutsch-Brasilianischen Dialogs über Wissenschaft, Forschung und Innovation – zwei wichtige Veranstaltungen des Wissenschaftskalenders des DWIH São Paulo – werden Forschende und Gäste des DWIH-SP über die wichtigsten Herausforderungen und Trends der Digitalisierung der akademischen und der Arbeitswelt diskutieren.

„Viele soziale Veränderungen, die durch die neuen Arbeitsbedingungen ausgelöst werden, kommen erst noch. Die Zunahme der Digitalisierung wird auch für eine Umstrukturierung vieler wissenschaftlicher Disziplinen sorgen. Die Verfügbarkeit einer gigantischen Menge an digitalisierten und geregelten Daten dürfte für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessant sein“, so Martina Schulze, Leiterin des DWIH-SP.

Auswirkungen auf die Wissenschaft – Dass Technologie Teil fast aller Facetten unseres Lebens ist, wird von Forschern ganz genau beobachtet. „Heutige Forschung findet größtenteils digital statt – die wenigsten Forschenden werden noch eine Schreibmaschine benutzen oder auf die Recherche im Internet verzichten können“, sagt Isabella Peters, Dozentin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Peters betont den unterschiedlichen Einsatz in der Wissenschaft: Von der Anwendung digitaler Technologien und Inhalte als Werkzeuge im Arbeitsprozess bis hin zu Forschungen, die ohne digitale Hilfsmittel – wie z.B. Simulationssoftwares – nicht betrieben werden können.

Die Vorteile sind viele: Die Digitalisierung beschleunigt nicht nur die Informationsverarbeitung, sondern auch deren Veröffentlichung. Ein weiterer Vorteil ist für Peters, dass die Digitalisierung keine geografischen Grenzen kennt. Dies begünstigt die internationale Kooperation innerhalb von Forschungsprojekten.

Digitalisierung bedeutet aber auch eine Demokratisierung wissenschaftlichen Wissens. „Über digitale Plattformen, vor allem Social Media, können nun auch Bürgerinnen und Bürger an Forschung teilhaben und mit den Forschenden diskutieren. Eine Studie hat ergeben, dass die Anzahl der auf Social Media-Plattformen geteilten wissenschaftlichen Artikel monatlich um fünf bis zehn Prozent wächst.“

Deswegen hat Deutschland, den Empfehlungen der Europäischen Union folgend, den freien Zugang zu wissenschaftlichen Studien immer mehr erweitert. Für Peters ist Brasilien mit der Plattform SciELO, die vollständige wissenschaftliche Artikel zur Verfügung stellt, Vorreiter in diesem Bereich.

Digitales Arbeiten – Die Anwendung digitaler Werkzeuge in der Industrie hat Auswirkungen auf die ganze Welt. In Deutschland und Brasilien regt die Debatte um die Konsequenzen der Digitalisierung der Industrie das Interesse verschiedener Branchen, so Ronald Dauscha, Direktor des Fraunhofer Liason Office in Brasilien.

„Deutschland ist ein hochindustrialisiertes und produktives Land, wo das Thema Industrie 4.0 sehr entwickelt ist. Brasilien steht dem Ganzen etwas skeptischer gegenüber. Der öffentliche Sektor hat in letzter Zeit aber viele Studien zum Thema in Auftrag gegeben. Das Land will diese historische Gelegenheit nicht verpassen“, erklärt Dauscha.

Mit der Einführung von Robotern, Internet der Dinge, 3D Druck, künstlicher Intelligenz, additivem Druck und individuell gestaltbarer Produkte werden sich Berufe grundlegend verändern – was für viele besorgniserregend ist. Repetitive Arbeit am Fließband und Arbeiten, die mit hohem Risiko verbunden sind, werden die ersten Berufe sein, die komplett vom Arbeitsmarkt verschwinden werden.

Für Dauscha kommt die Wahl des Leitthemas 2018 des DWIH São Paulo sehr gelegen, da Brasilien versucht, sich aus einer Krise heraus zu manövrieren. „Die Krise ist fast vorüber. Es war eine Zeit, in der sich Unternehmen über Wasser halten wollten und mussten. Jetzt ist die Zeit gekommen, wieder an Innovationen zu denken.“

Änderungen in der Bildung – Das Zeitalter der digitalen Arbeit werde neue, noch nie dagewesene Berufe erschaffen, so Dauscha. Auch die Auswirkungen auf die Bildung müssen sofort in Betracht gezogen werden: „Anstatt dass ein Schüler einen Beruf erlernt, der bereits in vier Jahren obsolet sein wird, wird er in der Praxis lernen müssen“, sagt er und bekräftigt, dass das Lernen von der Geschwindigkeit abhängen wird, mit der sich neue Berufsfelder entwickeln.

Für Ana Maria Fonseca de Almeida, Dozentin an der Staatlichen Universität Campinas (Unicamp), sind die Unvorhersehbarkeit der Ausbreitung von Digitalisierung und die Schnelligkeit der möglichen Veränderungen, die diese verursachen kann, das große neue Merkmal der jetzigen Produktionsorganisation. „Nicht wenige Analysten empfehlen, die Lehrpläne drastisch zu verändern, um die Entwicklung neuer Kompetenzen zu ermöglichen.“

„Manche meinen, dass das Lehren von Fachwissen unnötig geworden ist, da sich dieses andauernd verändert, und zwar sehr schnell“, so Almeida. Wichtiger sind für sie die Weitergabe traditioneller Kompetenzen wie eine Basisbildung im Lesen, Schreiben und in der Mathematik, die Entwicklung kritischen Denkens, Kreativität, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Laut Almeida werden diese Fähigkeiten noch lange grundlegend bleiben, egal wie sich die Digitalisierung weiterentwickelt.

„Das Problem ist nicht die Frage, welche Kompetenzen und Inhalte gelehrt werden sollen. Was wir tun müssen ist, dafür zu sorgen, dass so viele Schüler wie möglich Zugang zu diesen Kompetenzen bekommen, die schon lange als essenziell für eine sich schnell wandelnde Gesellschaft gelten“, sagt Almeida.

Die Digitalisierung vieler Lebensbereiche verursacht allerlei Veränderungen in unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund werden sich einige Veranstaltungen des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses São Paulo (DWIH São Paulo) im Laufe des Jahres 2018 mit Fragen rund um die Auswirkungen der Digitalisierung in Beruf, Forschung und Bildung beschäftigen.

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