Deutsche und brasilianische Experten diskutieren Soziale Partizipation in der Stadt von morgen

Während der Eröffnung betonte Martina Schulze, Leiterin des DAAD in Brasilien, die Wichtigkeit einer interdisziplinären Herangehensweise und die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Brasilien, um die Probleme der Urbanisierung anzugehen (2.v.l.).
Mithilfe des Dialogs sollen unter anderem bilaterale Zusammenarbeit initiiert werden.

In vierzig Jahren wird die Hälfte der Weltbevölkerung in städtischen Räumen und Metropolen leben – neben Konsequenzen wie dem Klimawandel und Globalisierung bringt dies vor allem auch die Frage nach sozialen Aspekten mit sich. Wie verändern sich Städte im Zuge dessen und wie sollten sie sich verändern? Welche Menschen sind davon betroffen und inwiefern lassen sich gemeinsame Lösungen finden?

Diese und ähnliche Fragen stellten sich Wissenschaftler und Experten aus Wirtschaft und Politik während des Deutsch-Brasilianischen Dialogs für Wissenschaft, Forschung und Innovation. Zum fünften Mal in Folge fand dieser in São Paulo statt – in diesem Jahr unter dem Titel "The City of Tomorrow – Tackling Urban Challenges and Opportunities". Das Event nimmt sich damit dem aktuellen Thema der Urbanisierung an, das zudem auch Gegenstand der deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen im August 2015 war.

Besonders der Fakt der sozialen Interaktion und Partizipation stand im Mittelpunkt der Diskussionen. So konstatierte Gerald Wood, Professor am Institut für Geographie und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Genossenschaftswesen an der WWU Münster, dass es "die" richtige Vision einer Stadt von morgen nicht gebe – ausschlaggebend seien vor allem die unterschiedlichen historischen Pfade: "Soziale Systeme haben ihre eigene Logik und derzeit bestimmen Krisen das Leben in einer Stadt. Zugleich sollen urbane Räume nachhaltiger, sicherer und belastbarer werden und wir müssen versuchen, die verschiedenen Perspektiven nachzuvollziehen", erklärte Wood.

Wie Perspektiven der Stadtbewohner erfolgreich integriert werden können, zeigte Nilo Nascimento, Professor für Ingenieurwissenschaft an der Bundesuniversität Minas Gerais (UFMG), mit einem Projekt für den Wiederaufbau der Umwelt in der Stadt Belo Horizonte, DRENURBS. Im Zuge dessen wurden sukzessive neue Orte zur Wasserspeicherung geschaffen, um weitere Mechanismen zur Entwässerung zu nutzen. Im Zuge dessen wurden auch StadtbewohnerInnen einbezogen, etwa im Hinblick auf wiederkehrende Treffen für das Projekt oder die beständige Kommunikation über die Planung und den Fortschritt von DRENURBS.

Auch aus wissenschaftlicher Perspektive ist eine soziale Interaktion unerlässlich: So rekurrierte Professor Rainer Wehrhahn, Universität Kiel, auf dem Dialog zum Thema "Conflicts and Governance in the Dispossessed City" auf das politische Fundament der Demokratie: "Von Zeit zu Zeit ist es auch sinnvoll, mit den Menschen zu sprechen, die von jeweiligen Vorhaben betroffen sind, um in Erfahrung zu bringen, was sie sich wünschen – denn das wissen diese meistens am besten", so Wehrhahn. Zudem seien dafür auch Multilevel-Lösungen unerlässlich – Lösungen, in die mehrere politische Ebenen einbezogen sind. Diesen Aspekt bekräftigte auch Doris Kowaltowski in ihrem Beitrag zum Dialog "Tackling challenges of the built environment". Die Architektin lehrt und forscht an der Universität in Campinas, für sie sind individuelle Projekte stets mit dem Aspekt der Globalität verbunden. "Wie können wir also mit unserer Forschung die Stadtplanung zum besseren verändern und welche Prioritäten gibt es in diesem Zusammenhang – wir sollten mit Zusammenarbeiten anfangen, in die gleiche Richtung denken, um so die Herausforderungen der Stadt der Zukunft anzugehen", so Kowaltowski.

Fernando de Mello Franco, Sekretär für Stadtentwicklung in São Paulo, hält vor allem die Interaktion lokaler Akteure für relevant. Projekte, die sich an den Alltag der StadtbewohnerInnen anlehnen, zum Beispiel im Hinblick auf Mobilität, Erziehung und Ausbildung sowie öffentliche Plätze und deren Instandhaltung und Entwicklung. "Es sind die jeweiligen Regierenden vor Ort, die einen Einblick in die alltäglichen Probleme haben", so der Politiker. Ein enormes Problem in São Paulo ist vor allem der Verkehr und Stau in der Stadt – BewohnerInnen mit einem höheren Einkommen steigen etwa auf die Nutzung von Helikoptern um, um die Zeiten der Rush Hour zu vermeiden.

Welche Personengruppen dabei eine derartige Möglichkeiten besitzen, Helikopter oder Überwachungsmechanismen einzusetzen, zählt auch zu den Herausforderungen in Städten. "Ausschlaggebend ist auch die Frage: Wem gehört die Stadt eigentlich und wer darf darüber entscheiden", so Martin Gegner, zurzeit Gastwissenschaftler am Innovation Centre for Mobility and Societal Change Germany. Gegner führte einige Beispiele im Bereich von Bauprojekten an, über deren Fortkommen verschiedenartig entscheiden wurde. Beispielsweise kann das Bebauungsproblem nicht etwa nur vom privaten Sektor gelöst werden.

"Wir sprechen auf diesem Dialog über Städte, aber die Herausforderungen, die wir angehen müssen, sind globaler Art", erklärte Gunther Adler, Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. São Paulo sei einer der wichtigsten Standorte in Brasilien für die deutsche Wissenschafts- und Wirtschaftswelt und die gemeinsamen Gespräche zwischen beiden Ländern würden in dem Dialog fortgeführt: "Ich hoffe, dass die Teilnehmer gemeinsam versuchen, die bestmöglichen Ergebnisse während des Dialogs zu erreichen und darüber nachzudenken, was das Beste für alle in einer Stadt ist und in was für einer Stadt der Zukunft wir leben möchten", so der Staatssekretär.


Resümee und Evaluation
In diesem Jahr wurde der bislang größte Brasilianisch-Deutsche Dialog für Wissenschaft, Forschung und Innovation veranstaltet. Das Event wird seit 2012 regelmäßig vom Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo (DWIH-SP) veranstaltet. In diesem Jahr besuchten 270 Personen die Veranstaltung, darunter Wissenschaftler, Experten aus Politik und Wirtschaft sowie Repräsentanten von Unternehmen und NGOs. "Ich möchte allen Teilnehmenden meinen Glückwunsch aussprechen, dass das Event so erfolgreich wurde. Vielen Dank dafür, dass diese Annäherung zwischen den Wissenschaftlern und verschiedenen Institutionen Deutschlands und Brasiliens stattgefunden hat", resümierte Ana Carolina Brugnera, Architektin aus São Paulo, die den Dialog begleitete. Die Evaluation sowie das Feedback des Publikums zur Veranstaltung waren durchweg positiv – rund 98 Prozent bewerteten den Deutsch-Brasilianischen Dialog mit "Gut" oder "Exzellent". Besonders gelobt wurden die intensiven und anspruchsvollen Diskussionen. Auch die Auswahl des Themas zur Urbanisierung empfanden 96 Prozent aller Teilnehmenden als aktuell und relevant.

Weitere Informationen und Inhalte: Videos, Artikel und Zeitschrift zum Dialog
Alle Vorträge des Deutsch-Brasilianischen Dialogs für Wissenschaft, Forschung und Innovation wurden per Video aufgezeichnet und sind auf der Seite der Câmara Municipal von São Paulo unter diesem Link verfügbar.

Mehr Informationen über einzelne diskutierte Aspekte in den Panels finden Sie in Form von Artikel und Interviews auf der Seite des DWIH-SP unter unseren Nachrichten.

Zudem wird Anfang des Jahres 2017 die fünfte Auflage der Zeitschrift zum Deutsch-Brasilianischen Dialog für Wissenschaft, Forschung und Innovation publiziert, in der Sie Highlights der Veranstaltung und weitere Artikel finden.

Luisa Pischtschan/DWIH-SP

Mitglieder